Deutschland: Ein Wimmelbild (Auszug)

 

Eine Geburtstagsfeier auf dem Müllcontainer-Depot und eine stillgelegte Autobahn,

Viehwirte, die als Holzfäller, und Kraftwerksarbeiter, die als Landwirte arbeiten,

Braunkohle-Protestler und Pegida-Demonstranten,

ein katholischer Täufling und  ein schwules Hochzeitspaar,

ein Klassenbester Traktorist und eine alte Pilzsammlerin, ein einsames Dorfmädchen 

und ein Liebespaar, das sich über ein Onlineportal kennengelernt hat,

Kunst auf der Documenta und Kölschflaschen auf der Deutzer Brücke, 

eine Niederländerin zum ersten Mal im Sauerland und vietnamesische Wahldresdener,

eine Wartende an einsamer Bushaltestelle und dramatisch durchziehende

Regenschauer, repatriierte DDR-Flüchtlinge und ein frühpensionierter Salzbergmann,

eine kurdische Kioskbetreiberin und Heimat erkundende Wochenendausflügler, 

ein Wahllokal im historischen Bürgersaal und ein Zigarettenraucher vor einem

Smokestore und viele weitere Zufallsbegegnungen. 

 

Andreas Langen (SWR2 Kulturradio)

 

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Andreas Teichmann "Durch Deutschland"

 

Eine lange Wanderung ist ein beliebtes Mittel, um dem hektischen Alltag etwas Entschleunigung entgegenzusetzen. Ein Fotograf kann ­daraus gleich noch ein Projekt machen. Wie Andreas Teichmann, der im Spätsommer 2017 von West nach Ost, von Aachen bis nach Zittau wanderte. 50 Tage, 1.140 Kilometer und täglich mindestens zwei Bilder für den Blog, aus dem schließlich ein Best of für die Ausstellung zusammengestellt wurde.

 

Andreas Teichmann, geb. 1970, Absolvent der Universität GHS Essen, und seit den 90er Jahren von Essen aus erfolgreich als Profifotograf tätig, hat schon länger mit dem Gedanken gespielt, sein Heimatland wandernd zu erkunden. Das Buch "Deutschland umsonst" von Michael Hol­zach hatte ihn tief beeindruckt, doch es sollten noch viele Jahre vergehen, bis er sich selber auf den Weg machte mit 15 Kilo Gepäck, davon gut 11 Kilo für die Kameraausrüstung. Großformatkamera, Stativ, ein Phase One-Rückteil für hoch auflösende 100 Megapixel-Bilder. Ganz bewusst wählte er diese langsame, präzise Technik. Das passt zum Tempo seiner Heimat-Erkundung. 

 

Andreas Teichmann zeigt uns Deutschland mal in fast romantischen Landschaftsbildern, mal in direkten Begegnungen mit Menschen. Fast beiläufig gerät auch die politische Landschaft dieses Sommers, kurz vor der Bundestagswahl ins Bild. Im Herbst 2018 sind Szenen aus dem Hambacher Forst allgegenwärtig, vor einem Jahr war so eine Szene (siehe Abb. oben rechts) noch fast exotisch. Wochen später gerät auch Pegida in Dresden vor Teichmanns Objektiv. 

 

"Ich hätte niemals gedacht, wie grün und naturbelassen Deutschland ist", erzählt der Fotograf. Vor allem aber haben ihn die Begegnungen mit den Menschen beeindruckt, die jeweils auf ihre eigene Weise mit der Heimat verbunden sind.   In einer Dokumentation zu „Durch Deutschland“ wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit den Worten „Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat“ zitiert, für Andreas Teichmann eine passende Beschreibung seines Ansatzes und Erkenntnisgewinns. Und so hat er trotz der physischen Belastung, die so eine Wanderung mit der Kamera mit sich bringt, bereits die nächste Etappe geplant. 2019 möchte Andreas Teichmann von Süd nach Nord, von Oberstdorf nach Sylt wandern. Und wir können uns auf weitere Bilder aus und über Deutschland freuen. 

 

Anna Gripp (Photonews)